ute`s Fotoblog

Tagebuch Teil II


Sommer 1945 – 1948

Deutschland ist vollkommen besiegt und aufgeteilt. Es gibt kein Deutsches Reich mehr. Nur noch vier Zonen, die von den Siegern, Amerikaner, Engländer, Franzosen und Russen besetzt sind. Will man von einer Zone zur anderen muss man Passierscheine beantragen und die werden nur in den seltensten Fällen ausgestellt. Abends ist Sperrstunde, ab 20 Uhr darf niemand mehr auf der Straße sein. Der französische Soldat beherrscht bei uns das Straßenbild.

Inzwischen sind wir wieder in unsere eigene Wohnung übergesiedelt. In der Wirtschaft unten ist ein „Foyer du Soldat“, so eine Art Marketenderie, in der die Franzosen einkaufen. Dadurch haben wir auch ab und zu einen Vorteil. Wir bekommen mal ein Stücken Seife oder Stoff und anderes. Auch zum Essen fällt hie und da etwas ab. Es gibt nämlich immer weniger Lebensmittel und wir beginnen zu hungern. Bei den Franzosen sieht man auch wieder Weißbrot, Schokolade usw. Alles Sachen, die es bei uns schon lange nicht mehr gibt.

Ein Soldat schenkt dir Schokolade. Du kennst das nicht, hast nie welche gesehen. Du beißt hinein und sagst „Des mog i net, des isch scharf“ (Das mag ich nicht, das ist scharf).

Auch in anderer Hinsicht macht sich unsere totale Niederlage unangenehm bemerkbar. Alle, die für Hitler gewesen sind und in seiner Partei, der NSDAP gewesen sind, werden jetzt dafür bestraft. Unsere Sieger haben ein Entnazifizierungsgesetz erlassen und Deutsche, ehemalige Gegner Hitlers, führen es prompt durch. Es werden Geld-, Freiheits- und Todesstrafen ausgesprochen. Gewiss, es gab in dieser Partei wie überall Verbrecher, aber Alle sollen nun dafür büßen. Auch dein Papa war Mitglied der NSDAP. Dafür darf ich nun nicht mehr bei meiner Firma arbeiten. Ich muss Schippen gehen, ehemalige Flackstellungen einebnen, den von den Fliegerangriffen auf der Straße liegenden Schutt wegräumen usw. Eine ungewohnte Arbeit, aber das wird auch einmal vorübergehen. Fotografieren kann ich dich zur Zeit nicht, denn meine Kamera ist ja —– abgegeben.
_________________

 

1946. Die Franzosen sind jetzt abgezogen und haben den Amerikanern weichen müssen. Es wird ein wenig besser. Nur zu essen gibt es wenig, alles noch auf Lebensmittelkarten.

Auf deinem Gabentisch am 4. Geburtstag liegen sogar Eier, ein ganz besonderes Geschenk von Bekannten. Mama möchte sogar einen Kuchen backen, hat aber weder Mehl noch sonst was dazu.

Nun gehst du auch in den Kindergarten und beteiligst dich dort eifrig an allem. Hemmungen kennst du nicht. Wenn wir z.B. mit der Straßenbahn fahren singst und plapperst du ausdauernd vor dich hin. Die Mitfahrenden haben ihre helle Freude daran.

Jetzt im Sommer 1946 darfst du zum ersten Mal eine lange Bahnfahrt machen. Wir besuchen Tante Elise, Onkel Hermann und Peterle in der Pfalz. Mit geliehenen, für uns falschen Pässen gehen wir von den amerikanischen und französischen Wachposten kontrolliert über den Rhein. Mama hat Todesangst. Aber es ging alles gut.

Es wird Weihnachten. Spielsachen gibt es kaum zu kaufen. Aus einer alten Puppenstube von Oma Cannstatt wird ein Kaufladen gebastelt. Die Puppenstube von Mama wird modernisiert und Onkel Alfred macht die Möbel dazu. Oma Wild kann dir sogar durch Beziehungen eine richtig schöne Puppe kaufen, die sehr teuer ist. Am Heiligen Abend stelle ich die Eisenbahn auf, mit der Onkel Alfred und ich schon gespielt haben, lasse sie laufen und rufe dich herein. Du bekommst einen ordentlichen Schreck, wie da auf dem Boden etwas dahinrasselt. So etwas hast du noch nie gesehen.

1947. Du wirst schon 5 Jahre alt. Dein Geburtstagstisch ist dieses Jahr reichlicher beschickt. Man kann wieder einiges kaufen, aber nur auf dem schwarzen Markt um sehr viel Geld. Du hast ohne unser Wissen eine Menge Kinder zu deinem Fest eingeladen um nur ja viele Geschenke zu erhalten.
Zu Weihnachten freust du dich über eine neue Puppenstube mit Beleuchtung. Auch ein Hexenhaus mit Hänsel und Gretel steht unter dem Baum. Und alles hat dein Papa wieder selbst gebaut.
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Damit endet leider das Tagebuch. Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er das alles für mich niedergeschrieben hat.

 

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41 Antworten

  1. Liebe Ute, das ist ein unglaublich schönes Zeitdokument! Natürlich inhaltlich nicht uneingeschränkt schön aber im Sinne von wertvoll wohl kaum zu toppen. Diese persönlichen Eindrücke … Ich weiß gar nicht, wie ich es in Worte fassen soll.

    Bewahre es bloß gut auf. Und vielen Dank, dass (u.a.) ich teilhaben durfte!

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    10. Januar 2011 um 11:04

    • Tina, ich habe mir das Tagebuch auf CD gespeichert. Schön, dass es heutzutage so etwas gibt 🙂

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      10. Januar 2011 um 12:11

  2. fudelchen

    Es ist nicht nur ein Tagebuch, darin steckt so viel Liebe und du als Kind fühltest dich sicher immer geborgen und geliebt.
    Für mich sehr schön zu lesen, mit Gänsehaut und auch Tränen.

    Herzlichst ♥ Marianne

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    10. Januar 2011 um 11:13

    • Danke Marianne. Selbst ich bin heute immer noch sehr gerührt, wenn ich es wieder mal lese. Später dann als Jugendliche hat man diese große Vaterliebe gar nicht zu empfunden. Das kommt erst jetzt wieder 🙂

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      10. Januar 2011 um 12:13

  3. An die Zeit kann ich mich auch noch erinnern, ich bin nur wenig jünger als du. Nur schrieb zu der Zeit niemand mehr ein Tagebuch für mich. Mein Vater war im Krieg gefallen.
    GlG Gisela

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    10. Januar 2011 um 14:01

    • Das ist sehr schlimm, liebe Gisela. Mir ging es wirklich vergleichsweise gut.

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      10. Januar 2011 um 18:14

  4. Liebe Ute, das ist ein unsagbarer Schatz, den du da dein Eigen nennen kannst. Ich sitze da und habe Gänsehaut beim Lesen bekommen. Von hohem idellen Wert, wie ihn sicher nur wenige haben werden. Bewahre dir diesen Schatz gut auf und haben lieben Dank, dass du uns diese Einblicke gewährt hast. Umarm. Mandy

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    10. Januar 2011 um 15:10

    • Mandy, auch ich sehe das als großen Schatz an und weiß es eigentlich erst heute so richtig zu würdigen.

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      10. Januar 2011 um 18:15

  5. Gerade die Knappheit unterstreicht das viele ungesagte, ungeschriebene. So viel Liebe und Zuneigung, Aufbegehren gegen den Zeitgeist, gegen die globale Schuldzuweisung, ein Zeitdokument, wie es besser so kaum zu finden ist. Da hast Du einen wirklichen Schatz „geerbt“!
    Lieben Gruss-moni

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    10. Januar 2011 um 17:25

  6. Hallo liebe Ute,
    danke fuer Deinen Besuch auf meinem Blog, da war ein Gegenbesuch unbedingt angebracht.
    Habe mir zumindest schon mal die beiden Teile des Tagebuches Deines Vaters durchgelesen. Gut, dass Du es noch hast. Diese Zeiten kenne ich nur zu gut, da ich ende 1933 in Schlesien geboren wurde.
    http://tschammendorf.tripod.com
    Ende 1944, als ich gerade 11 Jahre alt wurde und die Russen schon in Schlesien ueber die Grenze kamen, wurde ich zum Volkssturm eingezogen und an der Panzerfaust ausgebildet. Es waren wirklich schlimme Zeiten. Im November 1946 bin ich nach Hamburg gekommen. Aber auch so kurz nach dem Krieg haben wir alle gehungert und im Winter gefroren.
    Seit mitte 1957 lebe ich in den USA und versuche nicht an die Zeiten des zweiten Weltkrieges zurueck zu denken, wo ich viele tote Menschen und Leid gesehen habe.
    LG KH.

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    10. Januar 2011 um 17:38

    • Danke für deinen Gegenbesuch, lieber Karl-Heinz.
      Du hast diese Zeit ja ganz bewusst miterleben müssen. Ich hatte das Glück, noch ein Kleinkind zu sein. Um eines beneide ich dich allerdings, nämlich darum, dass du in den USA lebst. Viele Male bin ich kreuz und quer durch die Staaten gereist. Ich liebe deine Wahlheimat.

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      10. Januar 2011 um 18:21

  7. Dieses Tagebuch hat mich sehr berührt, in jeder Hinsicht. Danke das du uns diese Einblicke erlaubt hast, liebe Ute.
    Liebe Grüße
    Claudia

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    10. Januar 2011 um 18:38

  8. Irgendwie, liebe Ute, bin ich gerade in einer anderen Zeit. Und bedauere, nicht mehr darüber lesen zu können.
    In diesen wenigen Einträgen steckt so viel gelebtes und erlebtes Leben …

    Nochmals vielen lieben Dank fürs Einstellen!

    Alles Liebe
    Heike.
    🙂

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    10. Januar 2011 um 18:47

    • Ja Heike, es war eine andere Zeit, die hoffentlich nicht wiederkommt.

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      10. Januar 2011 um 21:05

      • Natürlich darf sie nicht wiederkommen!
        Aber es muss darüber gesprochen werden. Es muss darüber gelesen werden. Gerade auch, damit sie nicht wiederkommt, diese schlimme Zeit.

        Liebe Grüße
        Heike.

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        11. Januar 2011 um 13:40

  9. Liebe Ute,
    wie schön, dass ich nun auch den zweiten Teil Deines Tagebuchs lesen konnte. Ich selbst habe zum Glück den Krieg und die Nachkriegszeit nicht erlebt, und kenne diese nur von Erzählunge; nun auch von dem was Dein Vater zu berichten wußte. Ich schließe mich den anderen an und Danke Dir, dass Du uns hast teilnehmen lassen an diesem Buch…
    Liebe Grüße Rosi

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    10. Januar 2011 um 20:00

    • Es freut mich, dass es dich interessiert hat, liebe Rosi.

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      10. Januar 2011 um 21:06

  10. Es ist so schön und traurig zugleich, dies zu lesen. Wie berührend, herzzerreissend und liebevoll geschrieben. Wie gut wir es doch heute alle haben! Auch ich bekam als Kind eine selbstgebaute Puppenstube zu Weihnachten, die mein Vater und mein Onkel selbst gebaut haben. Ich habe jetzt noch Teile davon.
    Liebe Grüße von Rosie

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    10. Januar 2011 um 20:33

    • Leider habe ich gar nichts mehr von diesen selbst gebastelten Dingen, Rosie. Schade eigentlich.

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      10. Januar 2011 um 21:07

  11. „Niemand außer deinen Eltern werden Dich jemals mehr lieben können „!

    Das sagte mal meine Mutter zu mir und ich war noch viel zu jung um das zu glauben, aber es stimmt, das habe ich erst gemerkt als ich selber Mama wurde.Nichts ist stärker wie die Liebe zwischen Eltern und Kind.

    Danke für dein Tagebuch !

    LG TimeBandits

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    10. Januar 2011 um 20:50

  12. Dein Vater hat dir ein unglaubliches Zeitdokument hinterlassen, liebe Ute. Ich kenne die Zeit aus Erzählungen meiner Eltern. Mein Vater war in amerikanischer gefangenschaft und wollte nach seiner Entlassung nach Sachsen zu seiner Frau und seinem Kind. Er hatte es unsagbar schwer, einen Passierschein zu bekommen.
    Ich glaube, das darf man alles nie vergessen.

    Liebe Grüße an dich von der Gudrun

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    10. Januar 2011 um 21:40

    • Gudrun das stimmt, das sollte man alles nicht vergessen.

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      10. Januar 2011 um 22:26

  13. Liebe Ute,

    ich kann „nur“ wiederholen. Alles dazu habe ich Dir gestern schon geschrieben. ich bin auch dieses Mal wieder sehr berührt und kann mich auch den Worten der anderen hier anschließen. Vielen Dank für Dein Vertrauen, diese persönlichen Zeilen hier für uns bekannt zu machen. Ja, es ist eine Erinnerung daran, wie gut es und doch geht, so lange wir gesund sind.

    Herzlichst
    Bina

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    11. Januar 2011 um 00:32

    • Stimmt, liebe Bina. Man müsste sich das öfter vor Augen halten, dass es uns heute doch wirklich gut geht.

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      11. Januar 2011 um 12:19

  14. april

    Einfach nur wunderbar, das Zeitdokument und die Erinnerungen, die du dadurch hast. Alle Eltern sollten Tagebuch führen.

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    11. Januar 2011 um 11:38

    • Das wäre schön, liebe Ingrid. Die Kinder würden es in späteren Jahren zu schätzen wissen.

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      11. Januar 2011 um 12:19

  15. Wirklich wunderbar – er hat Dich sehr geliebt!

    Schade dass es so abrupt endet, aber wenigestens hast Du diese Zeilen.

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    11. Januar 2011 um 11:58

    • Das finde ich auch schade, Katinka. Dafür sind die Zeilen, die ich habe, um so wertvoller 🙂

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      11. Januar 2011 um 12:20

  16. Vielen Dank, dass ich auch diesen Teil des liebevoll geschriebenen Tagebuchs lesen durfte.

    Liebe Grüße
    Bärbel

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    11. Januar 2011 um 15:08

  17. Ute, eine solche Hinterlassenschaft ist mehr wert als alles Geld der Welt.
    Ich finde es ganz toll von deinem Papa, das er zu den damals doch wirlich harten Zeiten ein Tagebuch geführt hat.
    Er muss dich wirklich sehr geliebt haben 🙂
    Vielen Dank, dass du uns hast teilhaben lassen an diesen Erinnerungen 🙂

    Ganz liebe Grüße,
    Sylvia

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    11. Januar 2011 um 15:25

    • Ja Sylvia, ich halte diese „Hinterlassenschaft“ auch sehr in Ehren.

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      11. Januar 2011 um 16:12

  18. Es ist so schön die Zeilen Deines Vaters zu lesen. Schade, dass Du nicht mehr alles vom Tagebuch hast, aber Gott sei Dank hast Du ja diese beiden Teile gerettet und jetzt auf CD gespeichert. Man kennt diese Zeit zwar aus Erzählungen, aber wenn ein Vater das Tagebuch für seine kleine Tochter schreibt, ist es doch etwas ganz anderes und man fühlt sich fast in diese Zeit reinversetzt. Und was sie alles auf sich genommen haben, um Dir einen schönen Geburtstag zu bescheren. Einfach wunderbar.

    liebe Grüsse
    Brigitte die Weserkrabbe

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    11. Januar 2011 um 22:45

    • Es war bestimmt eine entbehrungsreiche Zeit für meine Eltern, Brigitte. Ich bin froh, dass ich noch so klein war und durch die Fürsorge meiner Eltern nicht viel mitbekommen habe.

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      11. Januar 2011 um 23:15

  19. Das ist wahrhaft eine wertvolle Erinnerung.
    So schön hat er das alles niedergeschrieben, großartig.
    Ja, es waren harte Zeiten.
    Mein Vater kam verwundet wieder, konnte daher seinen Beruf nicht mehr ausübern. Der linke Oberarm hatte einen Durchschuss. Gott sei Dank bückte sich gerade nach seinem Gewehr, sonst wäre das Herz getroffen worden und mich gäbe es gar nicht.

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    11. Januar 2011 um 22:56

    • Bärbel, das sind genau die Einzelschicksale, die man in keinem Geschichtsbuch liest.

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      11. Januar 2011 um 23:16

  20. Wow, wenn dein Papa da länger hätte dran schreiben können, wäre das heute ein Bestseller wenn du mich fragst. Nüchtern geschrieben und somit kann man sich viel mehr in diese harte Zeit hineindenken. Bin wirklich beeindruckt !

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    17. Januar 2011 um 10:53

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